Dorothea Studthoff (Suhrkamp) "Rick Berg"

Danke Dorothea!

01.06.2016∙

Dorothea Studthoff (Suhrkamp)

Rick Berg
Was der Literatur der alte Mann, ist der Mode das dünne Mädchen: der vertrauenserweckende Standard, der große Literatur beziehungsweise High Fashion verspricht. Das dünne Mädchen schreitet mit blasiertem Blick auf allerhöchstem Schuhwerk und in eiskaltem Schweigen über den Laufsteg. Der alte Mann sinniert mit breitem Wortschatz routiniert über die Natur von Lust, Liebe und Leid, den körperlichen Verfall und die Anziehungskraft junger Frauen auf das sehr kluge, alte Männerhirn, das in dem tragisch verfallenden Körper steckt, der bei der Anziehung natürlich auch ein Wörtchen mitzureden hat.

Und dann gibt es Sibylle Berg. Eine Frau, die Romane und Theaterstücke von und mit einer Durchschlagskraft heraushaut, die viele alte Männer nur noch mit dem Sandstrahlgerät erreichen. Die mit einer rasenden Energie erzählen kann, die sich so amüsant wie präzise durch die sattsam bekannten Gesellschaftsstrukturen sägt, das, was als »bearbeitet und erledigt« gilt, noch einmal aufwühlt wie ein Laubbläser und das gammelnde Blattwerk darunter aufdeckt.

Ihr Roman Vielen Dank für das Leben kennt kein Halten, wenn es um die Darlegung der Beschissenheit der Dinge und der Schlechtigkeit der Menschen geht. Manchmal möchte man bei der Lektüre einfach nur noch schreien: »Ungerecht! Ungerecht!!!« Ja, aber scheißdreck noch mal, so ist die Welt halt!

Schreien, das tun auch die Models bei der Vorführung der Kollektion »Vicious« von Rick Owens aus dem Jahr 2014, und ich glaube, keine, der das Werk von Sibylle Berg ansatzweise vertraut ist, wird sich wundern, warum ich für den modischen Vergleich diese Show herangezogen habe:

Kanalisierte Wut und brachialer Zorn brechen bei beiden eine elegante Schneise durch das die Literatur und Mode umwuchernde Gestrüpp aus Kategorien und Erwartungen. Wer ihnen nachfolgt, begibt sich auf den Weg nach draußen. Man kann nicht umhin, sich die Frage zu stellen, was eigentlich so schwierig daran ist, in der Mode alle Körperformen zu repräsentieren und in der Literatur Frauen nicht zu objektifizieren? Mode, die Frauen Bewegungsspielraum lässt, schlicht, aggressiv und entgegen aller Klischees. Romane und Stücke, die alle ernst nehmen: Frauen, Männer, alle anderen und den ganzen verwirrenden Kleb, der uns Menschen zusammenkittet.

Ungehalten und unversöhnlich. Zurückhaltung und Reflexion werden eingefordert, nicht eingebracht. Wozu auch? Die Klappe gehalten wurde lange genug.

P.S. Die nachfolgenden Schauen von Rick Owens waren natürlich wieder mit dünnen, größtenteils weißen Models bestückt. Sibylle Berg hingegen sibyllebergt weiter.