Ein Vortrag von Sibylle Berg

03.01.2018∙

Über das Theater und seinen Wunsch, politisch zu sein
Was sagt uns das, das sogenannte Politische? von Sibylle Berg

https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=14789:vortrag-sibylle-berg&catid=101&Itemid=84

Meine lieben Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, dass ich ihnen heute in diesem Landschulheim meine vollkommen subjektive Sicht auf die politische und gesellschaftliche Aufgabe der Theater nahebringen darf. 
Ich beschränke mich auf das Sprech-Theater, denn meine Opernkenntnisse sind trotz eines mich verstörenden Besuchs in Bayreuth sehr limitiert. Wie ich höre, geht es den Opernhäusern aber Gold, und mir ist kein Aufruf bekannt, der von der Oper eine explizit politische Haltung einfordert. Musik halt.

Den nachdrücklichen Ruf nach einer stärkeren politischen Haltung in der Literatur, vermutlich war Theater mitgemeint, formulierte vor langem Günter Grass. Er sei, so er selbst, der einzige explizit politische Künstler Deutschlands, und er meinte damit irgendwas mit der SPD und gegen Israel sein. Grass' Ruf nach einer politischen Haltung blieb – über sein Ableben hinaus – eine wunderbare Tradition.

Einmal im Jahr, von einem imaginären Brecht/Weill-Stück begleitet, erfolgt die mediale Grassfeiertags-Frage nach dem Politischen, gesellschaftlich Relevantem in der Kunst. Also: Wie politisch ist die Kunst, ist sie politisch genug, warum ist sie nicht politischer, und wenn doch was dann? Was das meint, ist klar: Wir wissen nicht weiter und delegieren Probleme, die auf der weltfressenden Struktur des Neoliberalismus basieren, in einen Bereich, der weitgehend ohne ernsthaften Einfluss ist. Theater tut keinem weh. Literatur: dito.

Statt sich zu fragen, wie sinnvoll ist unser politisches System, wie politisch sind Banken und Firmen, statt zu überlegen, ob der Straßenkampf ein legitimes Mittel ist, dem immer stärker werdenden Faschismus in Europa und vielen anderen Teilen der Welt zu begegnen, wird eine Scheindebatte ausgetragen auf einem Gebiet, das politische Zustände noch nie geändert hat. 
Jedes Jahr nach der medialen und theaterinternen Debatte darüber, wie Theater in gesellschaftspolitische Prozesse eingreifen können und sollen, nachdem sich die Kulturschaffenden in Podiumsdiskussionen darin bestätigt haben, dass die Kunst politischer werden muss – trinken alle eine Weißweinschorle.
 

Nun ist es für mein vollkommen unterinformiertes Empfinden nicht so, dass es keine politisch relevanten Inszenierungen gäbe.

Es gibt eigentlich wenig anderes.

"Wir sind total politisch", schwebt in Neonleuchtschrift über den meisten deutschsprachigen Häusern.

Und das funktioniert meist so: 
Die Theaterleitung erstellt einen Spielplan, der sich an einem angenommenen Mehrheitsgeschmack des Theaterpublikums orientiert. Der angenommene Geschmack des Theaterpublikums besteht aus Bekanntem. Was zum Mitmurmeln. Zum Kopfnicken. Aber politisch.

Darum entscheidet man sich doch besser nicht für eines der explizit politischen Stücke noch lebender Autorinnen und Autoren, denn das Risiko, dass die Krise, die darin verhandelt wird, in der nächsten Spielzeit überholt ist, scheint zu hoch. Aber vielleicht machen wir trotzdem was Modernes – in der Kammer, in Klammern: 30 Plätze. 
Da die Krise der permanente Zustand der Welt ist, könnte man im Großen Haus doch lieber einen Klassiker zeigen. Einen, sagen wir, Shakespeare, den man einfach in einem jeweiligen Kriegs- und Konfliktgebiet ansiedelt. Hurra. Klassiker! Gut. Abgemacht.

Was tut man nicht alles für die Kunst

Ein Jahr nach der Entscheidung, etwas Bekanntes zeitgemäß neu zu inszenieren, was ja immer auch eine krasse Provokation bedeutet, reisen die ungefähr 15 aktuellen Starregisseure von einem Theater zum anderen und schrubben nacheinander politische Inszenierungen der immer gleichen Autoren weg, die dem jeweils fast aktuellen außen- oder innenpolitischen Thema angepasst werden.

Ich habe in letzter Zeit – erwähnte ich schon meine absolute Subjektivität? – drei Stücke mit echten Flüchtlingen gesehen, die entweder echte Flüchtlingsprobleme verhandelten oder einen auf die Flüchtlingsprobleme angepassten Klassiker – vielleicht war es Shakespeare – zeigten. Die Begeisterung des Publikums war enorm. Und galt, subjektiv, neben der künstlerischen Leistung der Darstellenden auch ein wenig sich selbst: dem guten Publikum, den Nicht-Nazis, den Nicht-Dummköpfen, denen, die ins Theater gehen, Weißweinschorle trinken, wenn Ü40, oder die urban und jung sind, wenn Berlin.

Der Vorhang des politisch relevanten Stückes fällt, die Besucher*innen beklatschen die Akteure. Schade, denkt die eine oder der andere, dass die neuen Rechten, die Neonazis, die traurigen, von einem Prozent Milliardäre Abgehängten nie in den Genuss dieser wunderbaren politischen Inszenierung kommen werden.

Dann gehen die Schauspieler ab. Hinter die Bühne. In ihren realpolitischen Arbeitsalltag.

Es ist wieder spät geworden. Ist eben so in dem Beruf. Weiß man ja, bevor man ihn ergreift. Mit 18. Die Aufführungen sind abends, viele Proben dito, mitunter auch am Wochenende – was tut man nicht alles für die Kunst.

Die Kunst an Theatern, über die zu 78 % männliche Intendanten entscheiden, indem sie 70 % männlich inszenierte Arbeiten zeigen. Wer denkt da schon an so etwas wie: Familien? Mit Kindern? In denen beide arbeiten, oder gar – Alleinerziehende? 
In den Theatern geht es um Leidenschaft. Um Kunst. Um politische Kunst. Um etwas, das größer ist als der Einzelne. Der intensive Intendant/Regisseur der seine, SEINE Akteure zu Höchstleistung antreibt.

Auch wenn die Generation der knatternden Impressarios langsam verscheidet, sind die meisten großen Häuser immer noch Kunst-Betrieb und in seltsamen patriarchalen Führungsstrukturen mit hierarchischen Abläufen gefangen. Die auf der einen Seite (zum Beispiel) Machtmissbrauch, Sexismus und Narzissmus und auf der anderen Seite (zum Beispiel) Ängste, Selbstzensur und Selbstausbeutung fördern.

Mithin denke ich, dass sich künstlerische Freiheit und spürbare Abhängigkeit im Wege stehen.

Abhängig an den Bühnen sind viele, die aus Versehen nicht Superstars sind und nicht die Möglichkeit haben, ihre Theatergage durch lukrativere Jobs aufzubessern. 
Abhängig an den Theatern ist die Mehrzahl jener in niedrig bezahlten Jobs mehrheitlich Frauen. 
Abhängig an den Bühnen sind viele, die aus Versehen Kinder haben.

Muss das so sein?

Ich war sehr oft während der gesamten Probenzeit meiner Stücke an verschiedenen Theatern. Wenige Male war es eine großartige Zeit. Erwachsene, die einander zuhörten, Dinge ausprobierten. IntendantInnen, die zur Entspannung beitrugen, Anregungen gaben, Witze machten, Getränke spendierten. Diese wenigen Male hatte ich das Gefühl, es gäbe nichts Besseres, als in einer Gruppe am Theater zu arbeiten. Angstfrei und mit einer kreativen Leichtigkeit. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen, denn oft hatten die Probenzeiten etwas vom Überlebenstraining in der Tundra.

Fast von Beginn an herrschten Panik, Misstrauen und Schlafstörungen vor. Es gab offen und verdeckt ausgetragenen Hass, Druck vom Regisseur, die Panik vor dem Besuch des Intendanten, der kurz und schweigend Proben beobachtete. Am Ende eine Augenbraue hochzog, zwei Tage vor der Premiere mit bedeutungsvoller Stimme Grundsatzkritik übte. Oder im Härtefall eine Woche vor der Premiere selber Hand anlegte.

Wie um sich nicht umzubringen, wiederholten alle das Mantra: Wenn die Stimmung bei den Proben gut ist, wird die Arbeit schlecht. Es hat sich nie bewahrheitet. Scheiß Stimmung, scheiß Premiere. So geht die Regel. Oft dachte ich: Wozu verbringen die Menschen hier Lebenszeit im negativen Ausnahmezustand? Warum diese furchtbare Verspannung, und die schlechte Laune? Sind wir im Krieg? Geht es ums Überleben?

Wie in allen anderen Betrieben und Unternehmen ist für die Stimmung unter den Angestellten die Leitung verantwortlich. Ich habe selten eine flache Hierarchie erlebt, und wenn, dann eher an kleinen Häusern. An den großen Staatstheatern ist der Chef meist immer noch ein wenig der König, unnahbar, fast unerreichbar. Verständlich, denn das Regelwerk, das die Aufgaben eines Intendanten vorschreibt, liest sich deprimierend lang und ist fast nicht zu bewältigen. 
Aber so muss das wohl sein.

Wussten sie ja vorher

Es muss wohl so sein, dass einige Darsteller*innen eine leichte Verachtung für sich und ihren Beruf entwickeln. Man muss sich halt opfern, scheinen sie zu denken. Es muss gebrüllt werden, gefordert werden, das Theater als Kampfzone, Kunst muss wehtun, und kein gutes Resultat ohne Nervenzusammenbruch.

"Der Hass, das Antipodische macht das einzig Mögliche, und das Despotische ist unabdingbar, man muss vernichten, um etwas anderes zu erhalten", sagte nicht Hitler sondern Frank Castorf. Und schrie Schauspielerinnen an, dass sie ein Mäusehirn haben. Ja nun. Wenn es für die Kunst ist.

Bei meinen Aufenthalten am Theater sah ich auf Proben diverse Darsteller nach unglaublichen Ausbrüchen und Kämpfen abreisen und wieder eingesammelt werden, ich sah Schauspielerinnen, die sich – für mich komplett ohne einen Sinn – ausziehen mussten, gespreizte Beine waren immer eine gern verwendete Metapher für irgendwas. Ich sah kranke Schauspieler, die sich zu den Proben schleppten aus Sorge, ersetzt zu werden.

Selbstverleugnung, Selbstüberforderung im Namen der Kunst. Vielleicht glauben neben den Darsteller*nnen auch die sich selbstausbeutenden Rudel von unbezahlten Hospitant*innen und schlecht bezahlten Assistent*innen an diese Regel. Die am Beginn ihrer Karriere übrigens ebenfalls zu 50 % weiblich sind und später oft verschwinden, weil sich der Beruf des handlungsreisenden Regisseurs gleich gar nicht mit einer Familienplanung vereinbaren lässt. Na ja, wussten sie ja vorher.

Die Abwesenheit der Frauen

Sehen wir uns die Erennungen im aktuellen Intendant*innen-Karussell an, dann gibt es ein paar Damen, viele Herren und nichts Neues. Die neuen Intendanzen wurden von Auswahlkommissionen entschieden, in der fast nie Ensemblemitglieder sitzen, nie Autoren, selten Regisseure, sondern fast immer Kulturpolitiker entscheiden und: andere Intendanten.
Nach 20 Jahren der Sensibilisierung ist der Anteil von Frauen in Theater-Führungspositionen von 19 % auf satte 22 % gestiegen. Fast glaubt man sich in DAX-Unternehmensvorständen, fast wähnt man sich in einem System, das zwar nicht mehr richtig funktioniert (sonst wären die Häuser voller, die Mitarbeiter zufriedener), das seine Parameter aber dessen ungeachtet seit Jahren weiter reproduziert.

Die weitgehende Abwesenheit von Frauen in der Führungsetage meint nicht, dass Frauen ein besseres Klima am Theater schaffen würden. Aber so lange kein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herrscht, werden wir das weder bestätigen noch verneinen können.

Nichts ist schwieriger, als Gewohnheiten zu ändern. Sehr zaghaft, fast wie einst beim Entstehen der feministischen Bewegungen, regt sich in den Reihen der Theaterarbeitenden Widerstand. 
Fragen werden laut. Zum Beispiel: Wie sollen wir die Zuschauer*innen mit erfreulichen Utopien anregen, wenn wir als Theaterbetrieb (bewusst oder unbewusst) die neoliberalen Standards der Welt um uns übernommen haben? Mit ihrer Führungskultur, dem Gender Pay Gap? Wenn wir mit der Auswahl der Stücke alte Geschlechter-Stereotype wiederholen? Und Machtstrukturen akzeptieren, die im Kern den Backlash der konservativ-rechten Werte in Europa abbilden?

Wie können wir dann behaupten, wir machten politisches Theater?

Reform der Theaterstrukturen

Langsam formiert sich auch politische Haltung unter den Angestellten der Theater. Unzufriedenheit wird nicht mehr unter Witzen und eventuell gezielt geförderter Konkurrenz kaschiert, es wird geredet. Und es entsteht langsam ein politisches Bewusstsein.

Bewegungen wie Art but fairEnsemble NetzwerkPro Quote Bühne, die sich für eine Reformierung der Theaterstrukturen einsetzen, deren Forderungen Ihnen sicher bekannt sind. Erster kleiner Erfolg ist die Erhöhung der Mindestgage. Und der Schutz schwangerer Schauspielerinnen.

Na, das ist doch was.

Vorsichtig werden neue Leitungsstrukturen probiert. Teams, Sie wissen schon. Schlechter finanzierte, kleinere Bühnen werden sogar von Frauen geleitet.

Ich habe keine Ahnung, welche Herausforderung es bedeutet, ein großes Theater mit einem 1000-Plätze-Saal zu leiten, die Finanzen, der Betriebsrat, die Gewerkschaften, die Abonnenten, die immer ihre Klassiker sehen wollen, die sich mit neuen Autor*innen schwertun, und wie bekommen wir nur die jungen Zuschauer*innen, wie bekommen wir die Hütte nach der Premiere voll? Diese verstörende Abwesenheit von Menschenmassen in den großen Häusern, kann man die wirklich mit einer Umstrukturierung bekämpfen? Elegante Überleitung zu einem anderen Problem an vielen Häusern, das ich mit "Wir sind politisch, machen politisches Theater. Aber zu wenige wollen es sehen," überschreiben möchte.

Über Inhalte reden

Stellen wir uns also vor: Ein Premierenabend in dem komplett reformierten, politisch korrekten Theater. Alle Beteiligten sind glücklich, kreativ und angstfrei, gutgelaunte Schauspieler*innen, Techniker*innen und sonstige Mitarbeiter*innen, das hierarchisch absolut flache Führungsteam springt herum, alle umarmen sich und so weiter. Der Abend läuft super. Ausverkauftes Haus.
Das Publikum besteht aus den üblichen Premierenzuschauer*innen, also zur Hälfte aus Kritiker*innen, Familienangehörigen und Kolleg*innen. 
Und nach der Premiere ist das große Haus oft ein wenig leer.

Findige Intendant*innen gehen dazu über, die Hälfte der Riesenzuschauersäle abzuhängen, damit die Besucher sich nicht so verloren fühlen, was den gleichen Effekt hat, wie einen Bauchschuss mit einem lustigen Tierpflaster zu verdecken. Es kann doch nicht sein, dass keiner die in mühevollen zwei Monaten erstellte, total politische Version von "Die Räuber", "Richard der Dritte" sehen will. Keiner ist an der hundertsten Version von "Hamlet" oder der Dekonstruktion eines Bestsellers oder Filmes interessiert?

Wie kann das sein?

Können wir kurz über Inhalte reden?

Und – darf ich ein persönlich werden?

Obwohl ich noch lebe

Aus dem Leben einer angenehm privilegierten Dramatikerin erzählen. Meine Stücke werden, in unterschiedlich dekonstruierter Version – Sie wissen schon, ein Stück ist Material, Material wie Darsteller, das man zu etwas formen muss – an vielen Theatern aufgeführt, obwohl ich noch lebe.

Aber wie viele zeitgenössische Autorinnen stehen auf dem Spielplan? Autorinnen, die sich mit dem Umfeld auseinandersetzen, in dem sie gesehen werden? Deutschland, die Schweiz oder Österreich. Heute. Wie viele Stücke gehen die Zuschauer*innen wirklich an? Direkt und ohne Übersetzungsleistung, wie bei einem Klassiker? Wenn vornehmlich Klassiker in den Theatern gespielt werden, heißt das zudem in der Regel: Es sind männliche Sichtweisen, die den mehrheitlich weiblichen Theaterbesuchern gezeigt werden.

Das Theatersystem 1.0 setzt auf Bekanntes, wie die Medien auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Bewähren tut es sich – mäßig.

Die Welt wiederfinden

Fragt man Menschen, die gerne ins Theater gehen, aber kaum mehr ins Theater gehen, warum sie kaum mehr ins Theater gehen, kommen oft ähnliche Antworten. Das Theater spiegelt ihre Lebensrealität nicht wieder. Nun kann man einwenden: Dazu ist Kunst auch nicht da. Der zweite Vorwurf ist oft: Die Leute langweilen sich. Sie langweilen sich in zu langen Abenden, die sich selber so unglaublich ernst nehmen. Sie langweilen sich in vierstündigen, ordentlich schwer umgesetzten Klassikerabenden so sehr, dass sie von den unbequemen Stühlen kippen.
Sehr viele, die kaum mehr ins Theater gehen, wünschen sich Stücke, in denen sie ihre Welt wiederfinden und erweitert sehen. Und auch darüber lachen können. In denen sie nicht mit einem schweren Hammer auf die schwere Lage der Welt hingewiesen werden.

Kurze Zwischenbilanz: Die meisten staatlich geförderten Häuser zeigen vornehmlich klassische Stücke von männlichen Autoren. Und: fürchten Humor. 
Komödien, Musicals, all die Formen, in denen man sehr gut politische Anliegen unterbringen könnte, gelten als lästige Pflichtübung oder gleich als No-go-Area. Theater scheint in unserem Sprachraum zwingend: schwer sein zu müssen. Mehrheitlich kaum pigmentierte Menschen, die durch Wasser waten. Sie wissen schon.

Die besten Abende, die ich in der nahen Vergangenheit sah, fanden am Jugendtheater statt. Ja, natürlich, Jugendliche, die Jugendliche spielen, haben schon einmal einen zwingenden Jugendlichkeitsbonus. Überdies aber waren all die Aufführungen, die ich sah, durch Humor vereint. Und der Angstfreiheit vor dem, was bei Erwachsenen vielleicht als Kitsch bezeichnet würde: erschütternde Emotionen. Vielleicht lag es daran, dass die Stücke, die aufgeführt wurden, von noch lebenden Autor*innen stammten, die Leitung der Jugendtheater kaum hierarchisch strukturiert waren.

Wer weiß das schon.

Aber die Stücke waren ausverkauft. Ich sag's ja nur.

Das neue Theater

Mein Wunsch wäre: Wagen Sie vielleicht auch hier mehr. Wagen Sie mehr Humor. Wagen Sie mehr junge Autorinnen, Stücke mit starken Rollen für Frauen, wagen sie auch Trash, Entertainment. Vielleicht sogar: Musical. Eine kleine Dosis englisches Theatersystem. Ja, das furchtbare West End mit seinem furchtbaren "Harry Potter", die ausverkauften Häuser, in die Menschen nach der Arbeit mit ihrem Bier rennen.

Und nun kommt die letzte unrealisierbare Idee.

Das neue Theater, der Ort, an dem gute Laune und Gleichberechtigung aller herrschen, ist voll. Es gibt ein gut gefördertes Jungendtheater an allen Häusern. Alle sind zufrieden. Es darf gelacht werden. Die Stücke werden nicht behandelt wie Lösegelderpressungen, die man aus Zeitungen ausschneidet, und ab und zu gesteht man den Autor*innen sogar zu, dass sie sich bei dem Ablauf eines Textes etwas denken.

Wie gesagt, ich bin subjektiv, aber ich möchte mein kurzes Leben nicht auch noch mit Zertrümmerung, Hass und Psychoterror verbringen, da in der realen Welt mehr als genug davon vorhanden ist.

Ich habe keine Ahnung. Aber ich bin freundlich. Und freundlich schließe ich diesen Vortrag.

Schlußwort

Die Intendantinnen und Intendanten. Sie alle arbeiten hart.

Und tragen dazu bei, dass fast die gesamte Welt Deutschland um seine Theaterkultur beneidet. Wir dürfen nie vergessen, dass es eine privilegierte Situation ist, die hoffentlich auch in einer zukünftigen Diktatur, die wir nicht verhindern konnten, weiterlebt.

Kunst kann wenig. Wir sollten uns alle nicht zu wichtig nehmen. Wir werden die neuen Rechten – andere Bezeichnung für Neoliberale, die dumpfen Pöbler, die Manipulatoren – mit ein paar guten Stücken nicht zu Humanisten erziehen. Wir werden niemanden erziehen. Aber Theater ist selbstgemacht, es ist kein Fake, es verschwindet nicht im Netz, es wird nicht überwacht und manipuliert, und ich glaube fest daran, dass bei den Menschen – nachdem fast alle Bereiche des Lebens digitalisiert nicht wesentlich besser sind als früher – das Bedürfnis nach Realem wieder wachsen wird. Nach Unhackbarem, Unfakebarem.

Man kann nur versuchen, im Theaterbetrieb nicht das zu reproduzieren, was wir außen anklagen, man kann nur den Versuch machen, ein wenig leichter zu werden, mehr Spaß zu haben, und darauf hoffen, dass sich das Gefühl und die Haltung nach außen überträgt und mehr Menschen erreicht als bisher. Wer im Theater sitzt, kann in dieser Zeit keine Hasskommentare schreiben, sich nicht mit seinen Nazikumpeln treffen und niemanden verprügeln. Das ist doch ein schönes politisches Schlusswort.

Und ein kleines PS zur Oper: Der geht es Gold. Fest in den Händen weißer Männer in allen Leitungsebenen.