Katja Riemann und Sibylle Berg

Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor 2019

12.03.2019∙

 

Liebe Sibylle!
Geschätzte Veranstalter!
Hochverehrtes Publikum!


Ich soll eine Laudatio halten, sagt man mir. Für Sibylle Berg. Da sage ich blind zu. Dann erfahre ich: Es geht um grotesken Humor… oh, achso, aha, oje… Ich muss wahrscheinlich witzig sein, denke ich und schon bin ich völlig gestresst. Auch jetzt übrigens, in diesem Moment. Es ist sowieso schon so eine Sache mit der Witzigkeit in diesen Breitengeraden, aber dann noch unter Druck, und vor den Augen der Kasseler Welt und vor allem den Augen und Ohren Sibylles - in dieser Kompetition kann ich nur verlieren.
 

Und um Blamage zu vermeiden und Sibylle nicht zu enttäuschen, habe ich mich erstmal damit beschäftigt, was Humor überhaupt ist und lerne, dass Humor und Selbstironie Bruder und Schwester sind, wobei sich der Humor (männlich), im Gegensatz zur Selbstironie (weiblich) an ein größeres Publikum zu richten scheint. Wundert man sich jetzt nicht.

Oder so: „Humor ist die Begabung eines Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den alltäglichen Schwierigkeiten und Missgeschicken mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.“ Heitere Gelassenheit? Ja, ich finde, Sibylle ist gelassen, bewundernswert gelassen. Zumindest oberflächlich. Wahrscheinlich nur oberflächlich, also äußerlich, im Inneren kann man nicht gelassen sein, wenn alles weh tut, weil man immer wieder als schreibender Künstler erfahren muss, dass vom Erzähler auf den Erzählenden geschlossen wird oder von der Figur auf den Schauspieler. (Ich muss das sagen, ich bin Schauspieler, Schauspieler reden immer über sich.) Die Reaktion auf Kunst ist unerbittlich. Unerbittlicher scheint mir manchmal, als die auf Waffenverkäufe. Die heutige Preisgekrönte hat einen Text darüber geschrieben, dass man sich doch wirklich sehr wundern muss, über die Menschen, die im Theater buhen, statt vor beispielsweise der Deutschen Bank.

Oder ich habe das zum Thema Humor gefunden: Ein Delinquent wird an einem Montag zum Galgen geführt und kommentiert dies so: „Na, die Woche fängt ja gut an.“ Psychoanalytisch wird an diesem Beispiel Humor „als Beitrag zur Komik durch Vermittlung des Über-ichs“ erklärt. „Dem geschwellten Über-Ich kann das Ich winzig klein erscheinen und seine Interessen geringfügig.“ Das muss man jetzt nicht so schnell verstehen, macht nichts.

‚Durch Humor werden unterdrückte Wünsche auf gewisse Weise entladen,‘ sagt Freud. Oder aus evolutionsbiologischer entstehungsgeschichtlicher Sicht, könnte man sagen ‚Lachen sei ein akustischer Hinweis auf einen unbemerkten Rückfall in einfachere Verhaltensmuster.‘ Ja. Dann gibt es natürlich die 120 Jahre alte Bierbaum’sche Humordefinition des „trotzdem Lachens“…

Jedoch der Engländer Christopher Fry ist es, der es zumindest für mich auf den Punkt gebracht hat: „Humor ist eine Flucht vor der Verzweiflung.“

…und während ich das alles lese, werde ich ganz bekümmert, denn irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass man den miserablen Menschen, die den Künstlern die Scheiße ins System kacken immer mit Heiterkeit, gelassener möglichst, begegnen muss und noch einen Witz reißen soll, einen selbstironischen, einen brillant intelligenten, um die anderen zu besänftigen, weil diese keinen Kanal oder schlichtweg kein Gefühl für Humor haben und sich stattdessen immer angegriffen fühlen.

Und spätestens jetzt realisiere ich: wer, wenn nicht Sibylle Berg sollte diesen Preis erhalten, wer ist in der Lage so tiefschürfenden, ergreifenden und zärtlichen Humor in Literatur zu gießen, wenn nicht sie, in gleicher Maßen melancholischer wie lustiger, respektive humorvoller Hinsicht zu bewegen.

Soviel zu Humor. Doch was ist Groteske.

Das Wort ‚Groteske‘ kommt aus dem italienischen ‚grottesco‘, bzw. ‚grotta‘ und bedeutet ‚Höhle‘. Ja. Tja, jetzt frag ich Sie, was soll das denn?

Das Groteske wird 1735 definiert als das „Nichteinhalten von Ordnungen oder Gestaltungsprinzipien“. Weil Künstler sich unzulässige Freiheiten herausnehmen. Seit immer. Weil sie übertreiben, überhöhen oder, Tiere als halb Vogel, halb Dämon malen oder beschreiben oder bildhauern und man nicht weiß, ob sie das extra machen oder es nicht besser oder geschickter können. Oder ob sie nicht wissen, wie die Wertmaßstäbe aussehen, die Norm.

Dem Grotesken hing also eine negative Konnotation an, die aber anscheinend abgelegt wurde. Oder so: „Die Groteske im frühneuzeitlichen Sinn ist Ausdruck des nicht Normierten, des nicht Normalen, sie stellt Normen in Frage, lässt Vertrautes und Ungewohntes aufeinandertreffen.“ Ich kriege Angst. Das Groteske ist gar nicht lustig, stelle ich fest. Es ist dunkel, es gibt hier Dämonen und Anormales, Tiere und Menschen in Höhlen, wahrscheinlich um das Feuer tanzend, das deren Schatten dämonisch auf die Höhlenwand wirft, und so entsteht nebenbei Theater. Das Normale ist hell, gut, richtig und normal, das nicht Normale anscheinend dunkel, es flackert und bewegt sich und bringt das Normale, das doch hell ist ans Licht, in der Höhle, am Feuer. Grotesk.

Und dann habe ich schließlich das gefunden: ‚…das Groteske als beabsichtigter Verstoß gegen künstlerische Normen…‘

Man macht was, weil man was machen muss. Frau Bergs Berufswunsch stand bereits mit 12 fest. Da gab es die DDR noch. Bücher schreiben. Oder anders: schreiben. Etwas machen. Etwas erfinden. Was gibt es Produktiveres, Schaffenderes, als eine Geschichte zu schreiben, ein Buch, ein Skript, eine Figur, ein Stück, einen Text oder Dialog. Es existiert plötzlich etwas, das vorher nicht in der Welt war.

Stell mal vor es gäbe Toto nicht, aus „Vielen Dank für das Leben“ oder die Frau, die aus beabsichtigtem Verstoß gegen künstlerische Norm von der Chefin persönlich keinen Namen erhielt, die weibliche Hauptdarstellerin aus „Der Mann schläft“. Oder wie arm wäre mein Leben, würde ich Chloe und Rasmus nicht kennen, die beiden so liebenswerten Protagonisten des Buches „Der Tag an dem meine Frau einen Mann fand“. (Abgekürzt „Tag“ genannt).

All diese Figuren hat sie quasi, sentimental gesagt, zur Welt gebracht. Manche sind unsichtbar, sodass kein Name an ihnen haften blieb, darum heißen sie dann: der unsichtbare Mann. Sie hat ein ganzes Kabinett von diesen grotesken Figuren erschaffen, die so lebendig sind, so deutlich und klar, dreidimensional und ungewöhnlich sind, grotesk und humorvoll, dass ich wirklich nicht erwarten kann, dass wir eines Tages ihre Bücher endlich verfilmt sehen. Ich muss das sagen, ich bin Schauspielerin, ich will diese Figuren spielen. Sie sind Menschen. Oder all die Theaterfiguren, die sie schrieb, die in ihren Stücken mirakulöser Weise in verschiedenen Gestalten auftreten können, je nachdem wie man sich entscheidet, die Regisseurin sich entscheidet. Sei es als Mann, Frau, wedernoch, jung, alt, viele oder einer. Wer kann das schon. Sie ist wahrlich und wahrscheinlich eine Zauberin mit ihrem superbrain und ihren Fingerchen, die während des Tippens auch noch die Nikotinspitze halten müssen. Sibylle, ich liebe dich, ich bewundere dich, ich bin noch nicht fertig hier.

Denn, was ist eigentlich eine Sibylle? Eine Sibylle, nicht eine Sybille. Altgriechischer Name. Dem Mythos nach eine Prophetin, aha… Eine Prophetin, die unaufgefordert die Zukunft weissagt. Die Vorhersage kommt meistens doppeldeutig daher und teilweise auch in Form eines Rätsels. Da hat sich der Name mit der Person, dem Talent und dem ergriffenen Beruf gedeckt, würde ich mal sagen. Maseltov.

Gestern, ziemlich Mitternacht

Bin ich aus meinem Traum erwacht

Ein Kratzen hatte mich geweckt

War auch nicht richtig zugedeckt

Zu meinen Füßen saß ein Gnu und schaute mir

Beim Aufwach zu.

Es spuckte mich dann grausam an

Der Speichel mir ins Auge rann

Es stockte mir vor Angst der Atem

Ich witterte den fetten Braten

Du bist kein Gnu, schalt ich das Tier

Erkenne klar ein Lama hier.

Das Gnu es lachte fürchterlich

Und sagte: siehste mal, so täuscht man sich.

Nur der Vollständigkeit halber habe ich mich gefragt, wo treffen wir überall auf den Namen Berg. Und siehe da: nicht nur in Europa ist er in diversen Ländern existent, er hat sich bis nach Nordamerika und Südafrika verteilt. Aber nicht wer, was ist ein Berg? Das ist eine Geländeform, die sich über die Umgebung erhebt. Das passt nicht hierher? Fragezeichen? Und wie das hierher passt.

Wer erhebt sich, fragt man sich. Wer erhebt sich über wen oder was.

Wir sind so gewöhnt, die Straßenseite zu wechseln, wenn ein Trupp Männliches uns entgegenkommt. Wir zumindest, Billie und ich, aus dieser Generation, in die wir ungefragt hinein geboren wurden. Auf verschiedenen Seiten der Mauer zwar, aber Gottseidank haben wir uns gefunden. Wir, und damit meine ich nicht nur uns zwei, haben uns so eingerichtet, dass wir nicht einmal mehr bemerkt haben, wie selbstverständlich wir die zweite Geige spielen oder irgendwo backstage eine Aufgabe verrichten. Wir haben es niemals beansprucht und 4 sahen vor allem uns selbst nicht dort, überließen das lieber den Anderen. Karoline von Günderode hat sich getötet, weil sie nicht Schriftstellerin sein durfte, aus dem Grund, dass sie das falsche Geschlecht hatte. Nina Simone hatte nicht nur das falsche Geschlecht, sie hatte auch die falsche Farbe. Dass wir besser sein müssen, um Gleiches zu erhalten, ist ebenfalls niemals von uns selbst hinterfragt worden, es war faktisch, man lebte damit, wie mit seiner Augenfarbe.

Die Herablassung, die einer Dramatikerin in der deutschen Theaterlandschaft von den Machthabern begegnet, ist grotesk. Leider nicht humorvoll. In diesem Fall habe ich sogar sinnstiftende Vergleiche zu meinem Beruf, denn als Schauspielerin am Theater macht man identische Erfahrungen. Es ist noch ein Weg zu gehen, wir gehen weiter und irgendwann hoffentlich mit weniger Empörungskult und mehr humorvoller Gelassenheit, denn dort zeigt sich die Intelligenz, die konstruktiver, solidarischer und prophetischer ist, als die Herablassung.

Und schließlich die finale Frage: Wer ist Sibylle Berg?! Das weiß kein Mensch. Es ist im Übrigen eine uninspirierende Frage, merke ich gerade, bei der mir ein wenig die Füße einschlafen. Sie ist vergleichbar mit der Frage für Schriftsteller: ‚Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?‘ (Badewanne) oder jener für Schauspieler: ‚Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?!‘

Sie ist Künstlerin, Schriftstellerin, Chef, Weltretterin. Mensch geblieben stückweit, eine Frau…mit wirklich sehr langen Haaren in rot und schnellem Verstand, die liebenswert und liebevoll ist, die sich kümmert und bekümmert, deren wöchentliche Gedanken wir unbedingt benötigen, eine, die durchgehalten hat, Chapeau, auch wenn der Wind scharf von vorn blies. Eine Schriftstellerin und Dramatikerin, die einen literarischen Stil kreiert hat, der unvergleichbar ist und der viele inspiriert und geprägt hat.

Eine Literatin, deren jeweils nächstes Buch immer mit Vorfreude und Spannung erwartet wird, so wie jetzt ihr neues Buch ‚GRM‘.

Und - sie ist meine Freundin.

Herzlichen Glückwunsch zu dem Literaturpreis für grotesken Humor 2019, liebe Bille. Come on stage.

 

Katja Riemann, am Weltfrauentag 2019 in Berlin.