Lieber Freund

25.09.2018∙

 

Lieber Freund,

ich möchte Dir schreiben, denn ich bin verletzt. Seit Jahren erlebe ich eine Verrohung der Sprache, einen Kreuzzug gegen die Moral. Seit Jahren kann man sehen, mit welcher Vehemenz die Idee, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Namen, ihres Geschlechts, ihrer Religion, zu Individuen zweiter Klasse degradiert werden. Flüchtlingsheime werden angezündet, Menschen werden auf der Straße gejagt, ihre Existenz wird infrage gestellt, aufgrund von politischer Feigheit werden sie zu Sündenböcken gemacht. Und in dieser Panik scheinen Politiker in höchsten Ämtern nun endgültig jede Selbstkontrolle zu verlieren. Der deutsche Innenminister, der sich Heimatminister nennt, erklärt in einem Akt purer politischer Dummheit die Migration zur „Mutter aller politischer Probleme“ und merkt dabei gar nicht, dass er Millionen von Bürgern, ja, auch Dich und mich, zu Unerwünschten erklärt. Tut er das absichtlich? „Meint“ er eigentlich andere? Das spielt keine Rolle. Es spielt keine Rolle! Seine Worte sind nun in der Welt und sie haben Konsequenzen. Und weißt Du, was noch mehr schmerzt als seine Worte? Weißt Du, was noch mehr schmerzt, als Maaßen, als die AfD? Der verzweifelte Versuch anderer, dieses Handeln zu „erklären.“ Da schreiben mir Freunde, „die Guten“, die Klugen, dass „ich“ ja nicht gemeint war. Dass Seehofer einfach, und das sei ja schon schlimm genug, dumm schwätzen würde. Dass Seehofer aufgrund der bevorstehenden Wahlen in Panik ausbrechen würde. Dass Seehofer nicht sehen würde, wie dumm seine Worte seien, und dass Seehofer das Gefühl dafür abgehen würde, wen er mit seinem Gerede beleidigt, ängstigt und wütend macht. Was diese Freunde nicht verstehen, ist eine elementarste Wahrheit: ich BIN gemeint, Du bist gemeint, wir alle sind gemeint. Wird ein Migrant verletzt, wird ein Bürger von Oben zum Migranten und damit zum Problem erklärt, werden alle zum Problem erklärt. Wird einer rassistisch angegriffen, werden alle rassistisch angegriffen. Wird einer verstoßen, werden alle verstoßen. Wird einer daran erinnert, dass er niemals „einer von uns sein kann“, werden auch Du und ich daran erinnert. Und was mich auch fassungslos macht: dass diese Freunde nicht sehen, dass auch sie betroffen sind. James Baldwin hat einmal die sehr brutalen Worte gesprochen: „ The question you gotta ask yourself –the question the white population has to ask itself—is why was it necessary to have a Negro in the first place. Because I’m not a nigger, I’m a man. But if you think I’m a nigger, it means you need it. And you gotta find out why. The future of the country depends on that.“ Weshalb müssen Menschen, andere Menschen als „Ausländer“ bezeichnen? In 24 Jahren musste ich nie mit dem Gefühl der Entfremdung leben. Nie. Aber zum allerersten Mal, nicht unbedingt aufgrund ausschließlich eigener, aber vor allem aufgrund der Erfahrung ANDERER - der Geflüchteten, derjenigen, die seit Jahren, Jahrzehnten, Generationen hier Leben - frage ich mich, was meine Zugehörigkeit eigentlich ist. Meine emotionale Zugehörigkeit. Wir leben in einem wunderbaren Land. James Baldwin (verzeih, ich komme immer wieder auf ihn zurück, aber er ist gerade jetzt so wichtig) hat einmal gesagt: „I love America more than any other country in this world, and, exactly for this reason, I insist on the right to criticize her perpetually.“ Dasselbe kann ich über Deutschland sagen. Dieses Land ist meine Heimat. Dieses Land ist unsere Heimat. Und für diese Heimat werde ich mit allem, was ich habe, kämpfen. Denn der Tag, an dem diese Heimat nicht mehr Heimat ist, wird der Schwärzeste Tag in meinem Leben werden. Möge er nie eintreffen.

Igor levit