Und wieder eine Wiederholung

10.12.2019∙

von Jasmina Kuhnke und Frau Berg

Wenn dieses Gespräch erscheint, ist der Twitteraufreger (https://twitter.com/der_rosenkranz/status/1198930547273277441/photo/1) schon wieder vergessen

 

Es wird viel passiert sein, irgendwas ist ja immer. Bis dann mal wieder nichts los ist und man sich medial dem wirklich relevanten Thema zuwenden kann: Der Zumutung, sich weiter zu entwickeln. Diese Qual, sich anständig zu verhalten, über seine Worte nachzudenken, die vornehmlich Menschen empfinden, die an Vergangenem hängen, an einer scheinbaren Macht, einem eingebildeten guten Leben, einer eventuellen grossartigen Vergangenheit .

Oder Redaktionen, die unter ausgewogener Berichterstattung verstehen, Teile der Leserschaft zu befeuern die unter anderem heissen: Ich glaube nicht, dass alle Menschen gleich sind. Ich glaube an die überlegenheit weisser Hautfarbenträger, männlich, der überlegenheit des Westens.

Als der gefühlt hunderste Artiekel unter der imaginären überschrift: das wird man j awohl noch sagen dürfen erschien dachte ich …

daran, in welcher Situation mir das Wort zum ersten Mal begegnete. Es war auf dem Spielplatz in unserer Siedlung, während ich im Sandkasten saß, die Sonne vom Himmel knallte und eine Mutter mit dem Finger auf mich zeigte. Sie befahl ihrer Tochter, Abstand zu mir, dem N****Kind zu halten. Ich verstand nicht, dass ich gemeint war. Und heute, dreißig Jahre später, zeigt ihr, die angebliche bürgerliche Mitte, wieder mit dem Finger auf mich und macht mit nur einem Wort deutlich, dass ihr mich nicht in eurer Mitte wollt. Ihr beharrt darauf, meinesgleichen, herabwürdigen zu dürfen. Ihr besteht darauf, uns verletzen zu dürfen. Ihr fühlt euch eingeschränkt, um eure Meinungsfreiheit beraubt, wenn man euch die Verantwortung für eure Worte zutraut.

Es sind ja nur Worte! Das wurde schon immer so genannt, gesagt, mitgemeint.

Es ist ja nur die Zeit, in der alles Dumpfe, Polternde, alles, was an Vorurteilen und Hass in den Menschen kauerte, über Jahre verborgen, eingedämmt von Regeln des Anstands, des zivilisatorischen Umgangs Miteinander, nun seinen Weg in die Welt findet. Außen gekehrt wird. Von neoliberalen Kasperfiguren, und Codeketten befeuert. Von Medien, die sich nach Wichtigkeit sehnen, nach Rabatz und Streit. Das ist gut fürs Geschäft. Dem besorgten Bürger eine Stimme geben, seinem Unwohlsein Raum, der gefühlten Mehrheit, dem Normalen, dem gesunden Menschenverstand, dem Privilegierten der nicht um seine Privilegien weiß.

Deshalb entbehren doch sowohl die Wut als auch die Verzweiflung über ein wachsendes Sprach-Bewusstsein jedweder Berechtigung. Niemand will euch, die ihr das Heute nicht begreifen wollt, etwas wegnehmen. Niemand will die Bibliotheken stürmen und Auflagen veralteter Bücher schwärzen, in denen ein diskriminierendes Wording genutzt wurde. In Neuauflagen darauf zu verzichten ist aber einfach nur richtig. Ihr könnt uns nicht ausradieren, aber die Worte, mit denen ihr uns beschreibt, schon. Wir sind eine Minderheit, aber wir werden so laut sein, dass wir rassistischen Worte übertönen. So lange, bis die Lauten ihre Stimmen verlieren und keine Kraft mehr aufbringen, gegen Menschen wie uns anzuschreien. Aufschreie wie den von Aminata Touré, Vizepräsidentin und Abgeordnete in Schleswig-Holstein. Themen: Migration, Antirassismus, Frauen, Queer & Jugend. B‘90/DIE GRÜNEN https://twitter.com/aminajxx/status/1199050896002469890?s=20

Oder wie meinen Aufschrei, damals, im Sandkasten. Als ich begriff: mit N**** bin ich gemeint. Und aufstand und mit lauter Stimme zurückschrie, dass das Mädchen jetzt meine Freundin und ich ein nettes Kind und kein N**** sei!

Es sind ja nur Worte, ist ja nicht bös gemeint. Ist es doch.

Wenn es nur Worte sind, warum werden dann immer wieder Aufsätze zu dem Thema: Wir wollen nicht verstehen- veröffentlicht? Zu dem Thema: Wir wollen unsere Vorrechte nicht hergeben. Wir wollen Frauen mitmeinen, wir wollen schwarze Menschen erniedrigen, mit Worten ausgrenzen, wir wollen alles, was scheinbar nicht ist wie der Status Quo dieser verdammten Welt, also ich hellhäutiger vornehmlich männlicher Mensch, weg haben. Diese wunderbare Sprache, Ausdruck unseres Verstandes. Basis der Gestze, der menschenrechte, Grundlage unseres Verstehens der Welt. Das geschriebene Wort- Früher nur der Oberschicht vorbehalten, das Wissen der Menschheit, ist es heute fast allen zugänglich. Und verändert sich ständig-

Unser Geist sollte jung sein. Unser Geist sollte sich einer veränderten Gesellschaft anpassen. Und er sollte nicht aus Faulheit oder purem Egoismus die Augen davor verschließen, dass unsere Gesellschaft mehr anders geworden ist. Wie lange soll es denn dauern, bis die Emphatieverweigerer begreifen, dass eine Gesellschaft immer aus vielen Minderheiten besteht? Aus Menschen wie mir, die dazugehören. Wenn ihr uns durch rassistische Sprache verletzt, schneidet ihr euch dann nicht ins eigene Fleisch? Es ist in euren Händen, insbesondere in den Händen von denen, die Artikel schreiben, die Öffentlichkeit haben, den Lesern mit Worten die Augen zu öffnen. Sich darauf zu berufen, dass rassistische Sprache zur Sprachkultur der Deutschen gehört, grenzt uns aus, die, die wir ebenso zu unserer Kultur gehören. Für euch ist N**** nur ein Wort, für uns der Anfang von all den rassistischen Grausamkeiten, die uns im Alltag begleiten. Nicht wir verletzten euch mit unserem Bedürfnis nach Gleichberechtigung, sondern ihr uns, mit eurer Ablehnung und Herabwürdigung.

 

Ab und zu werden wir ungeduldig. Wir Minderheitenangehörige, wir Frauen, Schwarze, Juden& Jüdinnen, MuslimInnen, Beeinträchtigte,wir verdammten machtlosen Eliten der LGTB Community, wir Außenseiter wir, die nicht der weissen, männlichen Norm entsprechen, verlieren den Humor mit Humoristen, die Witze über uns machen. Männer, die über uns Frauen sprechen und schreiben und entscheiden. Weiße, die befinden wollen, wie sich Schwarze zu fühlen haben. Und all jene, die ÜBER uns und schreiben, statt mit uns reden. Wir werden wütend, und natürlich ist das immer ein schlechter Ratgeber. Die Gesellschaften können sich verändern, wenn wir dort vertreten sind, wo ihre Regeln verhandelt werden. In den Redaktionen, als Intendantinnen, als Moderatorinnen, als PolitikerInnen, als VerlagsleiterInnen und IntendantInnen---als Gleichberechtigte. Wir reden darüber, immer und immer wieder, solange, bis ihr aufgebt. Irgendwann hat sich ja auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Erde rund ist (naja, obwohl), dass Kinder Menschen sind und keine Sachen, dass Frauen studieren dürfen und alle Menschen von innen gleich aussehen. Und

ja: von außen, optisch, mögen wir uns unterscheiden. Aber wir wollen doch alle dasselbe: respektvollen Umgang miteinander. Ich bitte euch: Starrt uns nicht an, nur weil unser Haar verdeckt oder zu einem Afro frisiert ist. Wir ein Handicap haben oder als gleichgeschlechtliches Paar Hand an Hand durch die Städte laufen. Denn Starren signalisiert: Ihr seid anders und erzeugt das Gefühl, „anders“ sei nicht richtig. Bitte verletzt uns nicht, nur weil ihr unsicher seid und ihr Eure Wahrnehmung priorisiert. Und wenn ihr tatsächlich derart verunsichert seid, dass ihr nicht wisst, wie ihr über uns sprechen dürft, dann fragt uns, die Betroffenen! Denn wir können euch die Antworten geben, die ein Artikel einer privilegierten, nicht marginalisierten Person definitiv niemals geben kann. Macht es wie die Autorin dieser Kolumne, eine weiße Frau, die Diskriminierung, jedoch nicht Rassismus erfahren hat und mich, eine schwarze Frau die Rassismus erfahren hat, bat mit ihr darüber zu sprechen, wie es sich anfühlt, als N**** bezeichnet zu werden. Das nennt man übrigens intersektuelle Benachteiligung
https://www.republik.ch/2019/10/01/nerds-retten-die-welt-18

PS. Ich verstehe die Verunsicherung einiger Menschen, die meinen, verletzend sein zu dürfen. Aus reiner Unwissenheit.

An beide Seiten, die Minderheiten, die Mehrheiten, die lange Diskriminierten und die sogenannt Normalen: Werdet nicht wütend, fragt am besten, wie darf ich dich nennen, erklärt gerne – wir möchten so und so bezeichnet werden, Redet Miteinander statt übereinander.

 

Sibylle Berg

Jasmina Kuhnke   Hier